· Bezahlkarte Stoppen! Freiburg  · 10 min read

OB-Wahl 2026: Kandidat*innen zur Bezahlkarte

Wir haben die Kandidat*innen der Freiburger OB-Wahl zur Bezahlkarte befragt. Hier sind ihre Antworten im Überblick.

Rathaus Freiburg

Am 26. April 2026 wird in Freiburg ein*e neue*r Oberbürgermeister*in gewählt. Gemeinsam mit Anda e.V., dem Migrant*innen Beirat und der Seebrücke Freiburg haben wir die Kandidat*innen angeschrieben und um eine Stellungnahme zur Bezahlkarte gebeten.

Nachfolgend dokumentieren wir unser Schreiben in genau der Form, in der es den Kandidat*innen vorlag: zu jedem Thema erst der Kontext, dann die Frage. Bei jeder Frage kannst du auswählen, wessen Antwort du lesen möchtest.


Sehr geehrte Kandidat*innen,

wir sind Vereine und politische Initiativen, die sich für Betroffene der Bezahlkarte in Freiburg einsetzen. Ein Hauptanliegen von uns ist es, politisch gegen die Umsetzung der Bezahlkarte vorzugehen. Da Sie Kandidat*in in der aktuellen OB-Wahl sind, möchten wir Sie um eine Stellungnahme dazu bitten. Im Folgenden beschreiben wir aus unserer Sicht das aktuelle Geschehen in Freiburg und stellen anschließend Fragen.

Aktueller Stand zur Bezahlkarte in BaWü

Die Möglichkeit zur Ausgabe einer Bezahlkarte wurde im Mai 2024 durch einen Bundestagsbeschluss zur Änderung des AsylbLG von den Fraktionen der Ampel-Regierung geschaffen. Begründungen hierfür waren ein Bürokratieabbau in der Leistungsverwaltung, die Verhinderungen von Überweisungen ins Ausland und die Finanzierung von Schleppern. Ende 2024 hat das Land Baden-Württemberg die Kommunen zur Einführung der Bezahlkarte für Menschen, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) beziehen, verpflichtet. Diese Reaktion des Landes ist nicht alternativlos. In anderen Bundesländern wurde die Einführung und konkrete Handhabung beispielsweise den Kommunen überlassen, eine Opt-Out-Regelung erlaubt es auch die Karte gar nicht einzuführen.

Die Bezahlkarte ist keine normale EC-Karte oder Kreditkarte, sondern eine guthabenbasierte Debitkarte, die von der zuständigen lokalen Behörde verwaltet wird. Betroffene der Bezahlkarte können auf ihr Guthaben nur unter restriktiven Beschränkungen zugreifen: Der Bargeldbezug ist auf 50 €/Monat beschränkt. In kleinen Geschäften, Imbissen und auf Floh- oder Wochenmärkten, mit niedrigeren Preisen ist oft keine Kartenzahlung möglich. Überweisungen, Online-Einkäufe, Lastschriftverfahren und digitale Zahlungsmethoden (PayPal, ApplePay etc.) sind nicht möglich, mit höheren Transaktionskosten belegt oder müssen mühsam bei den Behörden eingefordert werden. Ebenso entstehen Gebühren bei der Überziehung des Girokontos durch die Abbuchung des Deutschlandtickets vor der Bewilligung der Überweisung mittels Bezahlkarte. Betroffene erleben Stigmatisierung im öffentlichen Raum und können durch die Abbuchung des Geldes, welches am Monatsende übrigbleibt, nicht für größere notwendige Anschaffungen und Investitionen sparen.

Wie ist Ihre Position zur Maßnahme Bezahlkarte?

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MBMartin Borgmann

Ich positioniere mich gegen die Bezahlkarte. Der einzige sinnvolle Weg ist die Integration Schutzsuchender, da ist eine systematische Diskriminierung nicht zielführend. Wir sollten Menschen wie Menschen behandeln und nicht wie Prepaidhandys aus dem vorletzten Jahrzehnt.

Nachdem es nun soweit kommt, fordere ich, dass jede Transaktion zu mindestens 50 % vom Privatkonto von Manuel Hagel abgebucht wird.

MHMartin Hornamtierender Oberbürgermeister

Die Bezahlkarte ist in jeder Hinsicht der falsche Weg. Für die Freiburger Stadtverwaltung bedeutet sie unsinnigen bürokratischen Mehraufwand, für die Betroffenen führt sie zu Stigmatisierung und hemmt die Integration.

DMDejan Mihaljović

Es ist eine Maßnahme und Idee, die aus dem rechten Spektrum kommt und basiert auf einer verbreiteten rassistischen Erzählung, dass faule, hinterhältige Menschen aus anderen Ländern nur nach Deutschland kommen, um hier den Sozialstaat auszunutzen. Dass besonders Perfide daran ist, dass solche Handlungen immer auf Kosten vulnerabler Gruppen erfolgen. Die Maßnahme ist somit ein politisches Mittel, das vermeintlich Schuldige konstruiert und von tatsächlichen Problemen ablenkt, statt diese anzugehen. Dass viele demokratische Parteien in politischer Verantwortung diesen Weg beschreiten, ist ein wesentlicher Missstand. Daher sehe ich diese Maßnahme als ein Element einer größeren, längerfristigen gesellschaftlichen, auch kommunalen Herausforderung.

MSMonika Stein

Ich lehne die Bezahlkarte politisch klar ab. In meinem Wahlprogramm positioniere ich mich ausdrücklich gegen die Bezahlkarte und gegen sonstige stigmatisierende Symbolpolitik. Für mich ist entscheidend, dass Menschen nicht unter Generalverdacht gestellt, im Alltag zusätzlich eingeschränkt oder durch staatliche Maßnahmen weiter ausgegrenzt werden. Stattdessen stehe ich für eine Stadtpolitik, die Teilhabe ermöglicht, Diskriminierung abbaut und die Würde aller Menschen schützt. Dazu gehören für mich auch eine funktionierende Ausländerbehörde als Welcome Center, die Stärkung von Migrant*innenselbstorganisationen und mehr Mitsprache für migrantische Menschen in der Stadtgesellschaft.

AWAchim Wiehle

Ich halte die Einführung einer Bezahlkarte in Freiburg grundsätzlich für sinnvoll, wenn sie Teil eines klaren und ausgewogenen Systems sozialer Unterstützung ist. Dabei ist für mich ein zentraler Grundsatz entscheidend: Sachleistungen sollten Vorrang vor Geldleistungen haben, wo immer dies praktikabel und zielführend ist. Der Hintergrund ist einfach: Sachleistungen stellen sicher, dass Unterstützung tatsächlich dort ankommt, wo sie gebraucht wird – nämlich bei der Deckung grundlegender Bedürfnisse wie Ernährung, Unterkunft und medizinischer Versorgung. Gleichzeitig können sie helfen, Fehlanreize zu reduzieren und das Vertrauen der Bevölkerung in ein funktionierendes Sozialsystem zu stärken. Eine Bezahlkarte kann in diesem Zusammenhang ein geeignetes Instrument sein, um genau diese Zielsetzung umzusetzen. Sie ermöglicht eine gewisse Flexibilität im Alltag der Betroffenen, während gleichzeitig sichergestellt wird, dass die bereitgestellten Mittel zweckgebunden verwendet werden. Mir ist jedoch wichtig zu betonen: Eine solche Maßnahme muss mit Augenmaß und Respekt umgesetzt werden. Sie darf nicht zu unnötiger Bürokratie führen oder die betroffenen Menschen stigmatisieren. Integration, Teilhabe und ein würdiger Umgang müssen jederzeit im Mittelpunkt stehen. Mein Ziel ist daher ein System, das Verantwortung, Fairness und Menschlichkeit miteinander verbindet – und genau hier kann eine sinnvoll ausgestaltete Bezahlkarte einen Beitrag leisten.

Nach meinem jetzigen Kenntnisstand gehe ich davon aus, dass die Regelungen des Landes Baden-Württemberg entsprechend abgewogen wurden. Freiburg sollte hier keinen Sonderweg gehen.

Umsetzung in Freiburg

Die Stadt Freiburg hat die Einführung der Karte ein Jahr lang verzögert, bis zu einer Weisung des Landes Ende 2025. Nun werden auch in Freiburg nach und nach Bezahlkarten ausgehändigt. Aktuell hat die Stadt auf Anregung des Gemeinderates beim Landesministerium der Justiz und für Migration einen Antrag auf Befreiung der landesrechtlichen Vorgaben zur Bezahlkarte gestellt. Zudem hat die Stadt vor, in zwei Jahren eine Bilanz zur Bezahlkarte anzuregen. Dabei soll die Perspektive der Nutzer*innen und die Folgen für den Integrationsprozess miteinbezogen werden. Bürgermeister und Gemeinderat haben sich damit klar gegen die Bezahlkarte gestellt, die mit Stigmatisierung und weiterer Prekarisierung der Betroffenen sowie einem enormen Verwaltungs- und Kostenaufwand einhergeht. Dennoch wird die Bezahlkarte nun in Freiburg eingeführt, zu Lasten von Menschen die dabei keine Mitsprache haben.

Wie stehen Sie zur bisherigen Haltung der Stadt und wie gedenken Sie, daran anzuschließen?

Welche weiteren Möglichkeiten sehen Sie langfristig, vulnerable Gruppen in Freiburg zu schützen im aktuellen politischen Umfeld der rechtsgerichteten Bundes- und Landespolitik?

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Achim Wiehle hat zu diesen Fragen keine gesonderte Antwort eingereicht.

MBMartin Borgmannkombinierte Antwort

Die Stadt Freiburg hat zumindest versucht, das Schlimmste hinauszuzögern, was vergleichsweise fast einen Widerstand darstellt. Wenn der Bund und daher das Land uns Unsinn aufzwingt, muss Freiburg mit kreativem Unsinn antworten. Meine Lösung für das Problem: Wir führen die Bezahlkarte verpflichtend für alle ein, angefangen bei denen, die sie beschlossen haben. Damit sollte sich das Thema relativ schnell erledigen.

MHMartin Hornamtierender Oberbürgermeister

Als Oberbürgermeister habe ich die Haltung der Stadt wesentlich mitverantwortet und mich solange gegen die Einführung der Bezahlkarte gestemmt, wie es rechtlich möglich war. Jetzt setze ich darauf, dass wir mit unserem Antrag auf Befreiung von den landesrechtlichen Vorgaben zur Bezahlkarte Erfolg haben.

Im aktuellen politischen Umfeld ist es aus meiner Sicht wichtig, dass wir in Freiburg unseren Kurs für Vielfalt und Toleranz fortsetzen und uns nicht von dem negativen Diskurs zu Migration und Integration anstecken lassen. So verhindern wir, dass ein Keil in unsere Mitte getrieben wird. Denn im Zweifelsfall ist es auch eine starke Zivilgesellschaft, die in Freiburg vulnerablen Gruppen Schutz gewährt. Zugleich müssen wir im Alltag konkret und verlässlich handeln. Dort, wo Menschen bedroht, beleidigt oder angegriffen werden, muss der Rechtsstaat konsequent eingreifen.

DMDejan Mihaljović

Dass die Stadt die Einführung ein Jahr lang verzögert, beim Landesministerium einen Befreiungsantrag gestellt und eine Bilanzierung angekündigt hat, begrüße ich. Diese Linie werde ich als Oberbürgermeister fortsetzen bzw. noch konsequenter angehen, wenn es z. B. darum geht, Betroffene miteinzubeziehen. Die Zivilgesellschaft hat zur Maßnahme Bezahlkarte Lösungen entwickelt, die Betroffenen hilft. Die Stärkung und Unterstützung der Zivilgesellschaft sehe ich deshalb ebenfalls als einen wichtigen Ansatz, der über die Maßnahme Bezahlkarte hinaus notwendig ist bzw. nicht nur dort greift.

Es braucht ein Ende der Symbolpolitik und einen Beginn, strukturelle Probleme endlich auch strukturell anzugehen. Hierzu gibt es unzählige Möglichkeiten auf diversen Ebenen, in die eine Stadt und Stadtgesellschaft investieren kann und wird, ob Aufklärung, Prävention oder Empowerment. Hier werden bestehende Strukturen und Prozesse geprüft, korrigiert und ergänzt oder neue geschaffen. Eine Stabsstelle zur Demokratie-Modellstadt Freiburg, die ich einführen werde, wird hier die Sachlage erfassen und mit Beteiligungsprozessen passende Ansätze entwickeln und umsetzen.

MSMonika Stein

Ich halte die bisherige Haltung der Stadt Freiburg, sich gegen die Bezahlkarte zu positionieren und die eigenen Spielräume zu nutzen, grundsätzlich für richtig. Gleichzeitig zeigt der Freiburger Fall aber auch die Grenzen kommunaler Handlungsmöglichkeiten, wenn landesrechtliche Vorgaben durchgesetzt werden. Als Oberbürgermeisterin würde ich alle rechtlichen und politischen Spielräume nutzen, um Stigmatisierung und zusätzliche Hürden für die Betroffenen so weit wie möglich zu verhindern.

Hinzu kommt für mich ein weiterer zentraler Punkt: Die Bezahlkarte ist nicht nur sozial falsch, sondern auch mit einem erheblichen bürokratischen Aufwand verbunden. Statt Verwaltung zu entlasten, schafft sie neue Prüfungen, Ausnahmen, Rückfragen und zusätzlichen Bearbeitungsaufwand. Gerade in einer Stadt, in der viele Ämter ohnehin stark belastet sind, halte ich das für den falschen Weg. Verwaltung sollte Menschen unterstützen und Leistungen zugänglich machen, statt zusätzliche Kontroll- und Hürdenstrukturen aufzubauen. Das widerspricht auch meinem grundsätzlichen Anspruch an eine bürgernahe, funktionierende und entlastete Verwaltung.

Langfristig geht es für mich aber um mehr! Wir müssen vulnerable Gruppen in Freiburg wirksam schützen, soziale Teilhabe stärken und einer Politik entgegentreten, die Menschen gegeneinander ausspielt. Dazu gehören aus meiner Sicht der Ausbau von Beratungs- und Unterstützungsstrukturen, eine funktionierende und bürgernahe Verwaltung, Schutz vor Ausgrenzung und eine klare politische Haltung gegen rassistische und stigmatisierende Symbolpolitik.

Ausweitung der Bezahlkarte in Freiburg

Zuspitzen könnte sich die konkrete Situation in Freiburg durch aktuelle Pläne der Bundesregierung, den rechtlichen Status ukrainischer Geflüchteter, die nach dem 31. 03. 2025 eingereist sind, über ein Gesetz zum AsylbLG zu ändern. In diesem Fall würde sich die Anzahl der Betroffenen der Bezahlkarte in Freiburg zusätzlich drastisch erhöhen. Dies würde noch mehr Stigmatisierung in Freiburg und eine potentielle Überforderung lokaler Verwaltung bedeuten.

Würden Sie sich dafür einsetzen, dass die Ausweitung der Bezahlkarte auf ukrainische Geflüchtete verhindert wird?

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Achim Wiehle hat zu dieser Frage keine gesonderte Antwort eingereicht.

MBMartin Borgmann

Ja. Falls es doch dazu kommt, soll jede Transaktion zu mindestens 50 % vom Privatkonto von Karl Braun, eh Schwarz, abgebucht werden.

MHMartin Hornamtierender Oberbürgermeister

Dafür setze ich mich bereits ein, denn wir können sie effektiv verhindern, wenn wir mit unserem Antrag auf Befreiung von den landesrechtlichen Vorgaben zur Bezahlkarte Erfolg haben.

DMDejan Mihaljović

Mir sind in meiner aktuellen Position als OB-Kandidat nicht alle Möglichkeiten bekannt, um hier konkrete Maßnahmen aufführen zu können. Ich kann aber versichern, mich auf allen verfügbaren politischen Wegen dagegen einsetzen zu wollen – gegenüber dem Land, im Rahmen kommunaler Spitzenverbände und öffentlich.

MSMonika Stein

Auch eine Ausweitung der Bezahlkarte auf weitere Gruppen, etwa auf ukrainische Geflüchtete, sehe ich kritisch. Ich würde mich deshalb dagegen aussprechen.

Wir freuen uns auf Ihre Antwort,

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Originaldokumente

Unsere Anfrage an die Kandidat*innen (PDF) · Stellungnahmen (PDF)

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